Zeit-Gedanken.

Bild 2013_06_25 ZeitVor über zehn Jahren habe ich das Buch ‚Der Zeitmesser‘ von Christopher Wilkins gekauft und gelesen. Es war eine seltsame Geschichte mit vielen Gedanken über die Zeit. Einiges daraus habe ich mir notiert. So auch nachfolgenden Text. Ich lasse ihn für sich selbst sprechen.

<< … Es ist bemerkenswert, wie oft wir im alltäglichen Gespräch das Wort « Zeit » gebrauchen. Wir sprechen davon, dass wir « Zeit haben» oder « keine Zeit haben » oder « nicht genug Zeit haben » oder « mehr Zeit brauchen », fast so, wie wir über Geld oder Essen reden. Wir sagen, « es war eine lange Zeit » oder «es war eine kurze Zeit », als meinten wir einen Satz oder ein Seil.

Wir können eine « gute Zeit » haben, oder wir können eine « schlechte Zeit » haben, wie einen guten Wein oder eine schlechte Auster. Wir können « Zeit schinden », und wir können « uns Zeit nehmen » oder « Zeit finden ». Wir « haben keine Zeit » für die, die wir verabscheuen, aber « eine Menge Zeit » für die, die wir bewundern, und sogar « alle Zeit der Welt » für die, die wir lieben.

Wir können «die Zeit besiegen» und wir können « die Zeit unterbieten» (wovor der verrückte Hutmacher in Alice im Wunderland warnt), wir können «Zeit verschwenden», und wir können «Zeit sparen ». Wenn wir Glück haben, werden «die Spuren der Zeit» an unserem Körper vorbeigehen, aber wenn wir Pech haben, müssen wir vielleicht «Zeit absitzen» oder sogar «vor unserer Zeit» sterben. Ereignisse wie Geburtstage geschehen den verschiedenen Menschen zu «verschiedenen Zeiten», während eine Eruption von Sonnenflecken für uns alle zur «selben Zeit» geschieht.

Wir sprechen von «Zeitdruck», als meinten wir eine gasförmige oder flüssige Substanz, wir haben « die Zeit gegen uns », als seien wir in einem Kampf. Die Zeit «ist der Feind», die Zeit «wird es richten», die Zeit ist «die beste Medizin» und der «klügste Ratgeber». Wir reden von Zeitpunkten wie von geographischen Orten, sodass wir «vor» der Zeit sein können oder «in» der Zeit oder auch «zwischen» den Zeiten.

Wir sprechen von Zeitspannen, Zeitlöchern und Zeitbomben – man stelle sich einmal die Explosion einer mit Zeit voll gepackten Bombe vor, die Sekunden und Minuten in alle Richtungen speit. Wir nehmen uns Zeit, genießen die Zeit, machen verlorene Zeit wett, gewinnen Zeit, kaufen Zeit (manche Werbeagenturen beschäftigen tatsächlich Leute unter der Bezeichnung « Zeitkäufer »), und es ist « höchste Zeit » einzusehen, dass wir über etwas reden, das wir noch nicht einmal ansatzweise begreifen.

Wieder und wieder gebrauchen wir im Lauf der Zeit den Namen dieser Sache, die «Zeit» heißt, ohne eine Sekunde lang darüber nachzudenken, und wir werden damit fortfahren bis ans Ende der Zeit, wenn alles Leben erlischt. … >>

aus Christopher Wilkins, Der Zeitmesser, S. 154 f

25. Juni 2013 von Christoph Nowag | Kategorien: Think

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